Garantiert fair gevögelt – geht das? Ein laienhafter Versuch über Sexarbeit

tl;dr: Amnesty International handelt im Grundsatz richtig – glaube ich.

Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
Und ihre Augen einwärts drehen kann.
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben,
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an.

Ihr, die auf unsrer Scham und eurer Lust besteht,
Das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihr’s immer schiebt,
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten,
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

(Brecht/Weill, Dreigroschenoper)

Empfohlene Hintergrundmusik: I never promised you a Rose Garden von Lynn Anderson

Schon seit einigen Jahren verfolge ich mit großem Interesse die immer wieder aus verschiedenen Anlässen in den Medien geführte Debatte zum Thema Prostitution. Amnesty International hat kürzlich angekündigt, sich in Zukunft für die weltweite Legalisierung von (natürlich nur: freiwilliger!) Sexarbeit einsetzen zu wollen. Wie nicht anders zu erwarten, hagelt es Kritik: laut Paul Middelhoff (Zeit) spricht Alice Schwarzer, die seit geraumer Zeit etwas angekratzte Ikone des deutschen Feminismus, vom „unrühmliche[n] Ende dieser Menschenrechtsorganisation“. Die Koalition gegen Frauenhandel (CATW) sieht den Namen von Amnesty „ernsthaft beschmutzt“, schreibt Martin Reichert in der taz. Jessica Neuwirth argumentiert im Guardian, eine Legalisierung würde den Kampf gegen den Menschenhandel erschweren. So weit, so vorhersehbar – und doch schrecklich unübersichtlich.

Positiv überrascht war ich deshalb, dass Sophie Elmenthaler (Zeit) und Martin Reichert (taz) die Ankündigung von Amnesty zustimmend kommentieren. Ich glaube, die beiden liegen richtig, und mit ihnen auch Amnesty.

Nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg

Elmenthaler hebt in ihrem Zeit-Artikel positiv hervor:

Zunächst einmal hat die Organisation ihren Beschluss nach Beratungen und Gesprächen mit Sexarbeiterinnen aus verschiedenen Ländern gefasst. Das heißt, sie hat sich wirklich angehört, welche Bedürfnisse Frauen im Prostitutionsgewerbe haben, anstatt über ihren Kopf hinweg zu reden.

Ich vertraue einfach mal darauf, dass Amnesty hier kompetent gehandelt und sich nicht auf einige wenige Einzelstimmen verlassen hat. Wenn das so ist, dann ist allein das ein gewaltiger Schritt nach vorn. So, und nur so, kann die Sache mittelfristig vielleicht funktionieren. Die öffentliche Debatte leidet aus meiner Sicht traditionell stark darunter, dass sie zu einem erschreckend großen Teil von Leuten dominiert wird, die sich mit dem Thema schlichtweg nicht auskennen. Die empörten und aufrechten StreiterInnen für die einzig richtigen Frauenrechte™, für die Wahrheit™ und Gerechtigkeit™, die Ulrich Wickerts und Alice Schwarzers im Kleinformat, die kürzlich auf Twitter bereitwillig die Sterbeurkunde für Amnesty International unterzeichnen wollten, haben nämlich sehr, sehr oft keine Ahnung, worüber sie eigentlich reden, dafür aber eine sehr starke Meinung und das ausgeprägte Gefühl, sie wüssten ganz genau Bescheid. (Im Netz, wie Sascha Lobo es ausdrücken würde, kursiert für dieses ebenso nervige wie hartnäckige Problem der lautstarken Inkompetenz das Schlagwort „Dunning-Kruger-Effekt“.)

Alice Schwarzer (deren Lebenswerk als Leitfigur des Feminismus in Deutschland ich damit nicht schmälern will) ist im Kern auch so: Sehr oft nimmt sie nach meiner Wahrnehmung für sich in Anspruch, dass sie qua Frau schon wisse, was für Frauen gut ist. Dass das nicht funktionieren kann, ist hoffentlich konsensfähig: Menschen sind sehr unterschiedlich [Quelle: Lebenserfahrung], das gilt ganz besonders im Bereich der Sexualität, und wer bloß seine eigenen sexuellen Erfahrungen (überzogen: Blümchensex im Dunkeln) als den Goldstandard der Sexualität ausgibt, vertut sich gewaltig.

Mir scheint, die meisten GegnerInnen der Prostitution denken ungefähr nach folgendem Schema: Ich persönlich fände es furchtbar, meinen Körper zu verkaufen (übrigens eine Redewendung, die völlig in die Irre führt), deswegen muss ich andere davor beschützen, diese fürchterliche Sache tun zu müssen. Also her mit den Verboten! Löbliches Anliegen, nur leider im Kern paternalistisch, unpragmatisch und obrigkeitsstaatlich verfolgt. Das wird nicht funktionieren.

Es ist eher die Ausnahme, dass sich jemand (wie Amnesty es getan hat) überhaupt die Mühe macht, mal mit denen zu sprechen, die mit Sexarbeit ihr Geld verdienen, und sie zu fragen, ob und was denn wirklich alles so furchtbar ist in diesem Wirtschaftssektor. Zum Glück melden sich in jüngerer Zeit immer mehr von ihnen öffentlich zu Wort. Eine von ihnen verteidigt unter dem Pseudonym „Molly Smith“ die Entscheidung von Amnesty in einem Kommentar mit dem Titel „In this prostitution debate, listen to sex workers not Hollywood stars“. Sie schreibt:

However, the reality of criminalising those who pay for our services is that sex workers are left with fewer clients, including men who we might otherwise have felt able to turn away – those who seem drunk, aggressive or who have a reputation for violence.

Das ist eine Kritik am sog. „schwedischen Modell“ (Bestrafung der Freier), die ich sehr einleuchtend finde: Es verringert die Zahl der Kunden, so dass die Sexarbeiterinnen (und wenigen -arbeiter) es sich buchstäblich nicht mehr leisten können, wählerisch zu sein, was in dem Business offensichtlich sehr wichtig ist. Mehr noch: Es ist zu befürchten, dass gerade diejenigen, die trotz des Risikos einer Vorstrafe als Käufer auftreten, eher die weniger angenehmen Kunden sind. Die Kriminalisierung der Freier schützt, so betrachtet, nicht die Freiheit der Sexarbeiterinnen, sondern schränkt sie im Gegenteil ein.

Freiwillig?!!!1!

Wir müssen über eine Sache hoffentlich nicht diskutieren: Zwangsprostitution, Menschenhandel, jegliche Form von Nötigung sind moralisch inakzeptabel. Freiwilligkeit muss sein. Wenn der Markt es nicht schafft, mit normalen ökonomischen Mitteln (gute Bezahlung, vernünftiges Arbeitsklima, Urlaubsanspruch, Krankenversicherung …) genügend Personal zu rekrutieren, dann heißt das für diejenigen, die auf diesem Markt als die potentiellen Käufer agieren (fast nur Männer), eben: Pech gehabt! Ab heute nur noch YouPorn und Kleenex. Ein Recht auf Sex gibt es nicht.

Ein Argument, das in dem Zusammenhang oft angeführt wird, lautet: Die Freiwilligkeit, die eine unabdingbare Voraussetzung für legitime, „saubere“ Prostitution ist, gebe es gar nicht. In Wahrheit würden die weitaus meisten durch ökonomische Alternativlosigkeit in diesen Beruf gedrängt. So argumentiert z. B. Mira Sigel in der taz.

Unter der Überschrift „Entry into sex work“ heißt es dazu in dem Statement von Amnesty deutlich differenzierter:

Sex workers are not a homogenous group. People of different genders, ethnic and socio-economic backgrounds undertake sex work for a variety of reasons and report a diversity of experiences. For some, the decision to undertake sex work may be a reflection of limited options. For example it may be one of few sources of earnings open to a transgender person facing discrimination in employment. For some sex workers the decision to sell sexual services is a matter of suitability or preference–it may offer flexibility and control over working hours or a higher rate of pay than other options. Other individuals may turn to sex work as a means of immediate survival because of extreme poverty or other forms of social exclusion.

Nun ja, „echte“ Freiwilligkeit (was immer das sein mag) sieht vielleicht anders aus, da kann man lange drüber philosophieren (dafür gibt es hier eine Kommentarfunktion). Aber selbst wenn kaum jemand Sexarbeit als Traumjob ansieht – ist es fair, wenn wir denen, die diese Arbeit machen müssen, weil ihnen nichts anderes bleibt, noch die Kunden wegnehmen, indem wir sie mit Strafe bedrohen? Hilft ihnen das? Hilft es überhaupt irgendwem? Ich wüsste nicht, wie.

Fairness, bloß wie? Gütesiegel?

Im Januar 2014 schlug Waltraud Schwab in der taz eine Art Gütesiegel für Bordelle nach dem Vorbild der Fairtrade-Produkte vor. Das hat für mich eine irgendwie bizarre Note, aber der Vorschlag besitzt zugleich auch eine Sachlichkeit und eine Kreativität, die viele andere Stellungnahmen zum Thema Prostitution eher vermissen lassen. Sie übt auf mich auch deswegen eine gewisse Faszination aus, weil es bei meinem einzigen Ausflug ins Rotlichtmilieu alles andere als fair zuging. Meine Erwartung, dass ich mich da auf einen fairen Handel einlasse: Geld gegen Dienstleistung, wurde enttäuscht. Ich wäre bereit gewesen, mich an branchenübliche Absprachen zu halten: Zärtlichkeit gibt es nicht, geküsst wird nicht, Kondom muss sein; aber im Gegenzug erwartete ich auch eine professionelle Abwicklung der Transaktion. Man versuchte jedoch, mich schrecklich plump über den Tisch zu ziehen. Muss das denn sein? Geht es denn nicht fair, vernünftig, auf Augenhöhe, in gegenseitigem Respekt, ohne Demütigungen in beiden Richtungen?

Wenn wir Prostituierte ins gesellschaftliche Abseits stellen, sie als Huren oder Nutten beschimpfen, sie in das schmuddelige Viertel der Stadt abdrängen, ist es kein Wunder, dass es in ihrem Gewerbe unseriöse Praktiken gibt. Und in der Schmuddelecke der Gesellschaft tummeln sich eben auch noch andere, wirklich schlimme, zwielichtige bis verbrecherische Gestalten: Schläger und Zuhälter, die ihren Personalbedarf nicht durch ökonomische Anreize wie gute Arbeitsbedingungen und hohe Löhne decken, sondern mit kriminellen Methoden wie Menschenhandel, Zwang und Gewalt. Eine Verbindung zwischen Prostitution und Kriminalität gibt es, da kann kein Zweifel bestehen. Ich meine, es ist im Interesse anständiger Menschen, diese Verbindung zu kappen, und ich glaube, dass die gesellschaftliche Aufwertung der Prostitution dabei helfen könnte.

Und wenn ihr Tugendapostel euch auf den Kopf stellt: Wir werden die Prostitution nicht los, dazu ist der Bedarf zu groß. Es ist eine ökonomische Binsenweisheit, dass ein für etwa die Hälfte der Menschheit aus biologischen Gründen chronisch knappes Gut einen Markt erzeugt, auf dem dieses Gut käuflich erworben werden kann. Durch ein Verbot schafft man Märkte nicht ab; man ändert nur ihre Farbe von weiß oder grau zu schwarz. Die Alternative ist nicht „Prostitution abschaffen oder nicht?“, sondern „Prostitution ins Ghetto oder nicht?“.

Ich bin sehr dafür, die Sexarbeit aus dem Ghetto zu holen. Ein erster Schritt ist, dass man mit den Leuten spricht und nicht immer nur über sie. Amnesty International hat das getan.

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~ von Jan Schreiber - 15. August 2015.

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