In den Elfenbeinturm mit Singer! Oder nicht?

tl;dr: Peter Singer ist ein bedeutender Ethiker, aber auf der phil.Cologne vielleicht doch nicht gut aufgehoben. Auch wenn mich das enttäuscht.

Vorbemerkung: Dieser Text ist ein Nachtrag zu einem prägnanteren Text über Singer, den ich vorgestern veröffentlicht habe. Unter dem Eindruck der Lektüre von Jürgen Wiebickes Kommentar zu dem Vorgang im Kölner Stadt-Anzeiger sehe ich manches aber anders. Ein Versuch, sine ira et studio eine vorläufige Bilanz zu ziehen.

Der Ausdruck „heftig umstritten“ scheint beinahe noch zu schwach, um den australischen Ethiker Peter Singer und seine öffentliche Rezeption (zumindest in Deutschland) zu charakterisieren. Selbst Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, sonst einer seiner eifrigsten prominenten Fürsprecher, hat seine Teilnahme an der Verleihung des Peter-Singer-Preises an seinen Namenspatron kürzlich abgesagt, weil Singer in einem bestimmten Punkt anscheinend seine Position geändert hat. Die phil.Cologne hat ihn als Sprecher wieder ausgeladen, obwohl er dort ursprünglich einen Vortrag halten sollte. Wenn von Singer bzw. seinen Thesen die Rede ist, fallen oft Worte wie „menschenverachtend“, „schockierend“ u. dgl. Das geht nun schon seit vierzig Jahren so: Die einen verleihen ihm Preise, benennen sogar einen Preis nach ihm, andere möchten am liebsten verhindern, dass er überhaupt ein öffentliches Forum bekommt und rücken ihn in die Nähe nationalsozialistischen Gedankengutes. Letzteres ist nicht ohne eine gewisse bittere Ironie, denn laut dem Wikipedia-Artikel zu Singer waren seine Eltern Wiener Juden, und er hat selbst mehrere Verwandte durch den Holocaust verloren. (In der zweiten Auflage seines Buches Praktische Ethik schildert Singer übrigens seine Erfahrungen in Deutschland in dem Kapitel Wie man in Deutschland mundtot gemacht wird.)

Singer ist ein sogenannter Bioethiker; das heißt, er beschäftigt sich überwiegend mit ethischen Fragen, die mit dem Anfang und Ende des Lebens zu tun haben (Sterbehilfe, Schwangerschaftsabbruch, Recht auf Suizid), mit der Frage, ob Tiere Rechte haben sollten, etc. Das sind alles brisante Probleme, die politische Themen berühren und zu denen offenbar viele Leute, darunter solche, die mit praktischer Philosophie nicht vertraut sind, eine recht deutliche Meinung haben. Das erklärt vermutlich die öffentliche Aufmerksamkeit, die Singer immer wieder bekommt, und auch die Heftigkeit der Reaktionen. Ein weiterer Grund dafür, dass die Debatte um Singer nun gerade in Deutschland immer wieder so bedauerlich eskaliert, ist sicherlich, dass hier einmal mehr die nationalsozialistische Vergangenheit ihren langen Schatten wirft: Wenn von Sterbehilfe die Rede ist, steht in Deutschland wohl noch für lange Zeit das Thema der nationalsozialistischen „Eugenik“ irgendwie im Raum.

Ich stelle an mir selber fest, dass ich auch heftig reagiere, allerdings nicht auf den Inhalt von Singers Thesen, sondern auf die Art und Weise, wie hierzulande (immer noch!) mit ihm umgegangen wird. Meine Reaktion wird ganz gut durch folgenden Passus aus einem Interview mit Hans Jonas in der Zeit (von 1989) gespiegelt:

Ich war etwas erschrocken, als ich durch die ZEIT von der Art erfuhr, wie hier [in Deutschland] die Debatte geführt wurde. […] Ich glaube, daß der ausländische Betrachter, wenn er diese Debatte verfolgt, den Kopf schüttelt und sagt: „Mein Gott, können denn die Deutschen nicht lernen, sich bei solchen Diskussionen gegenseitige Achtung zu erweisen und einander zu glauben, daß es ihnen um dasselbe zu tun ist; der jeweils andere mag im Irrtum sein, aber dann versuche man, ihm das zu beweisen.“

Jonas, der 1987 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, ist der ideologischen Nähe zum Nationalsozialismus gänzlich unverdächtig und philosophisch eher ein Gegner Singers, was er in dem Interview auch etwas näher ausführt. Auch er verteidigt Singer, so wie im Augenblick ich und alle meine Facebook-Freunde mit philosophischem Background, die sich in der Angelegenheit zu Wort melden. (Während ich dies schreibe, läuft gerade eine teils etwas hitzige Diskussion auf Facebook.)

Das liegt sicher unter anderem daran, dass Singers inhaltliche Position unter Philosophen recht viele Freunde hat. Sie ist eine ziemlich konsequente Ausarbeitung des Präferenzutilitarismus. Mir fällt auch im Moment kein Fachphilosoph ein, der der Einschätzung Schmidt-Salomons widersprechen würde, „dass Peter Singer die ethische Debatte über Tierrechte, Anti-Diskriminierung, Bekämpfung der absoluten Armut, Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe befruchtet hat wie kaum ein anderer Philosoph weltweit“.

Gemessen daran erscheint es mir fast unerheblich, dass Singer mit einzelnen Thesen vielleicht übers Ziel hinausschießt. Für Schmidt-Salomon und die Veranstalter der phil.Cologne war der Stein des Anstoßes anscheinend, dass Singer in einem Interview mit der NZZ gesagt hatte, dass ein Frühgeborenes im Alter von 23 Wochen keinen anderen moralischen Status habe als ein Kind mit 25 Wochen in der Gebärmutter. Das ist eine radikale These, die den moralischen Überzeugungen der meisten Menschen widersprechen dürfte. Ich bin auch nicht unbedingt geneigt, Singer hier zu folgen, zumal ich seine Argumente nicht kenne. Selbst wenn er aber in diesem Punkt (und auch noch anderen Punkten) vielleicht Unrecht hat – dieser isolierten Äußerung steht ein viele hundert Seiten umfassendes Werk gegenüber, dessen Bedeutung unter Fachleuten praktisch unumstritten ist.

Darin, dass man (zuweilen auch radikale) Thesen aufstellt, sich mitunter dabei irrt und dafür kritisiert wird, besteht Philosophie. Wenn es einen gesellschaftlichen Nutzen der Philosophie gibt (was ich glaube), dann besteht er geradezu darin, neue Gedanken zu produzieren, von denen manche zunächst höchst anstößig, weil unerhört wirken. Die Reaktion der phil.Cologne, die Veranstaltung mit Singer abzusagen, schien mir deshalb zunächst unangemessen zu sein und geradezu in Widerspruch mit der Natur der philosophischen Tätigkeit zu stehen. (Von Nazivergleichen ganz zu schweigen.)

Das war allerdings, bevor ich die Erklärung von Jürgen Wiebicke im Kölner Stadt-Anzeiger gelesen hatte, in der es heißt:

Wir haben ernstzunehmende Hinweise auf massive Störungen bekommen. Folglich hatten wir die Wahl zwischen zwei Übeln: entweder eine absurde Diskussion unter Polizeischutz oder eine Absage.

Unter Polizeischutz zu diskutieren, während man befürchten muss, dass man mit Farbbeuteln oder noch viel Schlimmerem attackiert wird, ist eine beängstigende Vorstellung. Unter solchen Umständen hätte ich wahrscheinlich selbst die Reißleine gezogen und die Veranstaltung mit Singer abgesagt.

Was lernen wir nun daraus? Ich weiß es nicht. Vielleicht zeigt diese Episode, dass die akademische Philosophie und die Art exoterische Philosophie, die durch die phil.Cologne und Richard David Precht repräsentiert wird, immer wieder in Konflikt miteinander geraten, obwohl sie sich auch gegenseitig befruchten können. Vielleicht ist auch die Zeit einfach noch nicht reif dafür, dass jemand wie Singer in Deutschland außerhalb des philosophischen Elfenbeinturms öffentlich redet. Ich fände das schade, aber auf der anderen Seite: Über einen Mangel an Anhängern kann er sich nun wirklich nicht beklagen.

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~ von Jan Schreiber - 8. Juni 2015.

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