Peter Singer, Schweineleben und Nazivergleiche

“You got the wrong guy. I’m the dude, man.” – Jeff Lebowski

Alle paar Jahre erregt der australische Ethiker Peter Singer das Interesse der deutschsprachigen Medien, und das ist für mich selten erfreulich. Zur Zeit ist der Anlass der medialen Aufmerksamkeit wohl, dass ihm der „Förderverein des Peter-Singer-Preises für Strategien zur Tierleidminderung“ den nach ihm benannten Peter-Singer-Preis verliehen hat. Vermutlich war das wiederum der Grund dafür, dass die NZZ kürzlich ein Interview mit Singer veröffentlicht hat, in dem er laut darüber nachdenkt, ob ein Menschenleben im Fall eines Konfliktes das Leben von zwei Millionen Schweinen aufwiegt.

Einige von Singers Äußerungen im Rahmen dieses Interviews haben erstens Michael Schmidt-Salomon, der eigentlich die Laudatio bei der Preisverleihung halten wollte und bis vor Kurzem einer von Singers glühendsten Verehrern hierzulande war, veranlasst, seine Teilnahme abzusagen. Zweitens waren sie nach einer Meldung der Süddeutschen der Grund dafür, dass die phil.Cologne, eine Art philosophisches Popfestival, auf dem Singer einen Vortrag halten sollte, ihn nun wieder ausgeladen hat.

Einladen, wieder ausladen, zusagen, wieder absagen, niederbrüllen, eine hohe Frequenz des Wortes „menschenverachtend“ und nicht zuletzt der gute alte Nazivergleich, die bewährte Allzweckwaffe im politischen Diskurs nicht nur in Deutschland – dieser aufgeregte Stil der Auseinandersetzung war für mich vor zwanzig Jahren einer der Gründe, der praktischen Philosophie angeekelt den Rücken zu kehren und mich der Logik zuzuwenden. „Du hast in Zeile 42 einen Negator vergessen“, ist ein Vorwurf, den ich mir deutlich lieber anhöre als „deine Argumentation erinnert fatal an etwas, was Hitler hätte sagen können“.

Hört doch erst mal zu, Herrgott!

Meine Stimmung schwankte irgendwo zwischen Zorn, Unglauben, Angewidertheit und Resignation, als ich in einem Blogbeitrag von Ivo Bozic in der Jungle World Folgendes lesen musste:

Auch die Bundestagsabgeordnete Katrin Werner („Die Linke“) äußerte sich kritisch zu Singer: „Es ist unerträglich, dass solchen menschenverachtenden Einstellungen eine öffentliche Plattform geboten wird. Solche Ansichten dürfen nicht als legitim anerkannt werden. Sie dürfen nie wieder salonfähig werden – das lehrt uns die Geschichte.“

Werte Frau Werner, Sie leisten bestimmt eine Menge gute Arbeit, und menschenverachtende Einstellungen finde ich auch doof. Aber als Ihr Philosoph rate ich Ihnen: Wenn Sie das nächste Mal in Versuchung sind, Wörter wie „unerträglich“ oder „menschenverachtend“ zu benutzen, zählen Sie doch lieber vorher innerlich bis 20 und überlegen Sie dann noch mal: Wissen Sie wirklich, über wen oder was Sie derlei Urteile fällen? Und lohnt sich der Einsatz des rhetorischen Sturmgeschützes? Es gibt mehr als genug echte Nazis und andere unerfreuliche Zeitgenossen auf der Welt – wollen Sie da Ihr Pulver wirklich gegen jemanden einsetzen, der bloß über bioethische Themen nachdenkt?

Was mich hier stört, ist neben der alarmistischen Rhetorik und der augenscheinlichen Uninformiertheit aber vor allem der normative Inhalt von Werners Äußerung. Sie will offenbar, dass Singer keine „öffentliche Plattform“ für seine Überlegungen bekommt. Oha, geht es mir da durch den Kopf. Den politisch Unliebsamen zum Schweigen bringen – sind das nicht am Ende … Nazimethoden? SCNR.

Selbst wenn der Inhalt von Singers Überlegungen anstößig wäre, was ich persönlich nicht glaube – ist es neuerdings ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung, jemanden gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen? Wäre es nicht fruchtbarer, ihm in Ruhe zuzuhören und (falls vorhanden) Fehler in seiner Argumentation aufzuzeigen? Wenn wir nur diejenigen reden lassen, denen wir im großen Ganzen zustimmen, wie soll denn da eine sinnvolle Debatte in Gang kommen? Gegen Singer demonstrieren – schön und gut, wenn es einen denn so stört, was er zu sagen hat. Aber ihn am Auftreten zu hindern, ist in meinen Augen eine Form von Nötigung. Und es ist dysfunktional: Leute, die falsche Überzeugungen haben, geben sie ja nicht deswegen auf, weil man sie mit derart brachialen Methoden zum Schweigen bringt. Sie suchen sich dann eben ein anderes Forum. Viel wirksamer ist es, sie zu überzeugen. Eine öffentliche Debatte ist deswegen unbedingt wünschenswert und sollte nicht im Keim erstickt werden.

Was sagt Singer denn nun überhaupt?

Bereits in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre hat Singer vor allem mit seinen beiden Büchern Animal Liberation und Practical Ethics viel Aufmerksamkeit erregt. Einen wichtigen Kernpunkt seiner Überlegungen bildet der zungenbrecherische Begriff des Speziesismus („speciesism“). Der Begriff ist analog zu „Rassismus“ und „Sexismus“ gebildet und drückt den Vorwurf aus, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies von Trockennasenaffen (Menschen) kein gutes Kriterium dafür sei, ob man einer Entität moralische Rechte zubilligt oder nicht. Vielmehr sei es die Fähigkeit, Präferenzen zu haben und Leid zu empfinden, wenn diese Präferenzen nicht erfüllt werden, die darüber entscheiden müsse, ob jemand oder etwas Träger von Rechten ist.

Das hat erkennbar weitreichende Konsequenzen. Nach allem, was wir wissen, haben beispielsweise menschliche Embryonen keine Präferenzen, genießen also, wenn man Singer folgt, keinen rechtlichen Schutz – oder höchstens einen, der etwa von den Präferenzen der Eltern abgeleitet werden könnte oder daraus, dass Embryonen Präferenzen entwickeln können. Es gibt also Wesen, die biologisch gesehen Menschen sind und nach Singer keine Rechte haben sollten. Umgekehrt gibt es sehr viele Wesen, insbesondere Menschenaffen, die bislang nicht als schützenswert angesehen werden, es nach Singer aber sind. Singer gilt deswegen als Vordenker der Tierrechtsbewegung.

Was soll daran denn so schlimm sein?

Nach Lektüre des Wikipedia-Artikels zu Singer und des bereits erwähnten Blogbeitrags von Ivo Bozic habe ich den Eindruck gewonnen, dass die meisten seiner nicht-philosophischen Kritiker eine Argumentation verwenden, die im Fachjargon als Slippery-slope-Argument bekannt ist. Bozic schreibt zum Beispiel:

Wenn es aber keine ethische und juristische Grenze zwischen Menschen und Tieren gibt, dann kann man über den Wert von behinderten und nichtbehinderten Menschen oder Juden und Arier oder Frauen und Männern ebenso verhandeln wie über den von Fliegen und Gorillas – und eben auch zur dann nur noch von den jeweils favorisierten Kriterien abhängigen Meinung gelangen, bestimmte Menschen hätten weniger Recht zu leben als z. B. Delfine oder Hausschweine.

Ich lese diese Argumentation so: Wenn wir die Spezieszugehörigkeit als Kriterium aufgeben, dann bricht ein Damm, und – schwuppdiwupp – sind wir vom Tierschutz, den wir eigentlich wollten, plötzlich zu staatlichen Euthanasieprogrammen gekommen; deswegen lassen wir besser alles, wie es ist.

Ist das plausibel? Ich meine, nein. Zunächst: Wir müssen die Grenze zwischen denen, die wir als schützenswert betrachten, und denen, denen wir kein Lebensrecht zubilligen, irgendwo ziehen. Das hat immer etwas Willkürliches an sich. Singer attackiert aber nicht nur die Artzugehörigkeit als Kriterium, sondern er liefert mit der Leidensfähigkeit einen (wie mir scheint: plausiblen) Gegenkandidaten. Die Spezieszugehörigkeit ist ein Kriterium, die Leidensfähigkeit ein anderes, und es scheint mir keine ausgemachte Sache zu sein, dass sie das schlechtere Kriterium ist. Wenn man sie zugrundelegt, sind jedenfalls fast alle Juden, Arier, Männer und Frauen, ob behindert oder nicht, mit im Boot. Singer (und mir) geht es um die Frage, ob man Neugeborene, die beispielsweise an Anenzephalie leiden und keinerlei Chance darauf haben, jemals ein erfülltes Leben zu führen, mit großem Aufwand am Leben erhalten muss. Wie man von da zum Holocaust kommt, verstehe ich einfach nicht.

Mir scheint auch die Spezieszugehörigkeit als Kriterium, konsequent zu Ende gedacht, bisweilen recht skurrile Folgen zu haben. Beispielsweise ist es nach meiner Kenntnis so, dass nach geltendem Recht sogenannte „überzählige Embryonen“, die bei der In-vitro-Fertilisation entstehen und nicht implantiert werden, nicht einfach in den Ausguss gekippt werden dürfen, sondern mit großem Aufwand in Kühlhäusern gelagert werden müssen. Weil sie technisch gesehen Menschen sind und deshalb unter den Schutz der Menschenwürde fallen. Wem das nützen soll, ist mir ein Rätsel. Die Embryonen haben bestimmt nichts davon, ihr Dasein irgendwo im Kühlschrank zu fristen.

Dem sehr lesenswerten Wikipedia-Artikel zu Singer entnehme ich ferner:

Von Behindertenorganisationen wird befürchtet, es werde einer Mentalität (politischer) Raum und mitunter schließlich rechtliche Legitimation gegeben, die letztlich gesellschaftliche Einstellungen zu Menschen mit Behinderung hervorrufen könne, welche in der Vergangenheit die nationalsozialistischen Euthanasieprogramme möglich werden ließen.

Mir scheint das letztlich derselbe Typus von Argumentation zu sein. Wenn wir darüber nachdenken, ob das Leben für Neugeborene mit Anenzephalie nicht bloß eine sinnlose Quälerei ist, dann landen wir am Ende wo? Natürlich beim Nationalsozialismus, wo denn auch sonst! Auch in diesem Fall verstehe ich nicht, was das für ein seltsamer (psychologischer?) Mechanismus sein soll, den die Singer-Kritiker hier am Werke sehen.

Innerphilosophische Kritik setzt typischerweise eher an den zentralen präferenzutilitaristischen Prämissen an. Es ist zum Beispiel plausibel, dass bewusstlose Personen keine Präferenzen haben, solange sie eben bewusstlos sind. Darf man sie demnach töten? Das wäre eine kontraintuitive Konsequenz. Das ist die Art Argument, mit der Leute wie Singer (und meine Wenigkeit) umgehen können.

Fazit

Wenn man sich mit Fragen der Ethik, namentlich der Bioethik, auseinandersetzt, geht es oft buchstäblich um Leben und Tod. Es ist mehr als verständlich, dass die Emotionen bei solchen Themen hochgehen. Aber gerade weil solche Fragen wichtig und dringlich und nicht zuletzt furchtbar schwierig sind, sollte man sie öffentlich diskutieren und dabei jede Stimme zu Wort kommen lassen. Jemandem kurzerhand das Podium zu entziehen, weil einem seine Meinung nicht passt, ist ganz schlechter Stil. Albert Einstein soll mal gesagt haben: „Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt, dann gibt es keine Hoffnung für sie.“ Aber ob eine Idee absurd ist oder nicht, kann man in jedem Fall erst beurteilen, wenn man sie gehört hat. Dass man ihr Gehör schenkt, bedeutet ja nicht, dass man sie unkritisch übernimmt.

Eines versöhnt mich am Ende freilich doch mit diesem ganzen unerfreulichen Hickhack: Es generiert genau die Aufmerksamkeit für Singer, die er meiner Meinung nach verdient.

Heikle Fragen, die hier besprochen werden. Nicht einverstanden? Kommentare sind aktiviert und werden von mir möglichst zeitnah freigeschaltet, sofern sie mir in den Kram passen und nicht menschenverachtend sind.

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~ von Jan Schreiber - 5. Juni 2015.

2 Antworten to “Peter Singer, Schweineleben und Nazivergleiche”

  1. […] Dieser Text ist ein Nachtrag zu einem prägnanteren Text über Singer, den ich vorgestern veröffentlicht habe. Unter dem Eindruck der Lektüre von Jürgen Wiebickes Kommentar zu dem […]

  2. Siehe hierzu auch den Beitrag in der „Kulturzeit“: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=51759

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