Die Frau in Rot: Senay Duzcu

Gestern wurde ich durch eine Bekannte per Facebook auf Senay Duzcu aufmerksam gemacht. Genauer gesagt auf einen einzelnen ihrer Auftritte, nämlich den, den ich hier als YouTube-Video eingebunden habe. Nach wenigen Sekunden hatte diese Künstlerin meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie ist das, wofür sich mittlerweile der Ausdruck „Comedian“ etabliert hat, was eine grammatische Frage aufwirft: Ist sie ein Comedian oder eine Comedian? Beides klingt irgendwie gleich blöd. Egal. [Nachtrag 10.07.2016: eine Comedienne.]

Ihre grundsätzliche Methode (man könnte auch sagen: Masche) ist nicht neu. Sie macht das, was vor ihr schon Adolf Tegtmeier (Jürgen von Manger) und Herbert Knebel (Uwe Lyko) gemacht haben: Sie inszeniert eine Bühnenfigur aus dem Ruhrpott. Das sieht immer so einfach aus, aber es will gekonnt sein. Als Zuschauer muss man schnell kapieren, was das für eine Figur ist, die da geschaffen wird, sonst funktioniert so etwas nicht. Bei Herbert Knebel und Tegtmeier läuft es vor allem über den Dialekt und immer wiederkehrende Phrasen („Boah, glaubse!“) sowie die Kleidung. Der Zuschauer versteht schnell, wer da jetzt spricht, ohne dass langatmig eine ganze Lebensgeschichte erzählt werden müsste. Der Frührentner von nebenan, der Nachbar von oben drüber. Liebenswerte, kauzige Kerle, die so ähnlich wirklich existieren und die man kennt.

Senay Duzcu macht es auch so, nur eben ganz anders. Ich habe nur einen einzigen ihrer Auftritte gesehen, aber mein Eindruck war: Sie ist subtiler als ihre männlichen Kollegen. Herbert Knebel, Adolf Tegtmeier, noch krasser Helge Schneider setzen sich eine Narrenkappe auf, machen sich hässlicher und in gewisser Weise dümmer, als sie in Wirklichkeit sind. Die Darsteller distanzieren sich schon optisch von ihrer Figur und signalisieren mir so: Jetzt spiele ich mal den Clown für dich, das bin nicht wirklich ich, nimm das bloß nicht ernst. Das ist lustig, aber manchmal wirkt es auch plakativ.

Wenn die Darstellerin Senay Duzcu die Figur Senay Duzcu inszeniert, trägt sie keine Maske, jedenfalls keine groteske Clownsmaske, sondern dezentes Make-up. Ich kenne nur eine der beiden Damen flüchtig von YouTube, aber ich habe den Eindruck, dass Darstellerin und Figur nicht sehr weit voneinander entfernt sind. Im roten Kleid, mit langem Haar und High Heels inszeniert sie sich zunächst ganz augenfällig als schöne Frau, die in ihre Schönheit viel Zeit, Geld und Mühe investiert (es lohnt sich!) und darüber nachdenkt, ob ihr Hintern zu dick ist. Selbst dieses Detail nimmt man ihr ab. Und es macht die Figur Senay Duzcu menschlich, verletzlich, authentisch, alltäglich. Wie Herbert Knebel, aber in schön statt hässlich und dezidiert weiblich.

Zweitens inszeniert sie sich als Deutschtürkin. Ich vermute stark, auch der Mensch hinter der Maske ist das. Sie spielt mit Klischees: Ihr Vater darf es nicht wissen, wenn sie einen kurzen Rock trägt. Überhaupt steht sie ziemlich unter der Fuchtel ihrer Verwandtschaft. Bei einem Besuch in Dresden marschiert sie als erstes in die Dönerbude – muss aber feststellen, dass der Betreiber aus Russland kommt. Was für eine brillante, haargenau durchkalkulierte Pointe! Wer in einer migrantisch geprägten Umgebung lebt, hat Irritationen dieser Art schon häufig erlebt. Wer hat nicht schon mal eine italienische Pizza beim Inder bestellt? Ich erkenne mich selbst und mein Leben wieder, das ist wichtig für gelungenen Humor. Ganz beiläufig wird damit deutlich, dass ethnische Identität zu einem guten Teil aus Klischees konstruiert wird.

Ich bin kein Freund davon, Pointen zu zerreden. Nichts ist lahmer als ein erklärter Witz. Eine Sache würde ich aber gerne noch ansprechen: Kurz vor Ende bezeichnet sie extremistische Gewalttäter aller Couleur als Wichser. Es scheint mir nicht überzogen, wenn man das als ihre Hauptbotschaft bezeichnet, und diese Botschaft wird gekonnt und eindrucksvoll in Szene gesetzt. Ihr Gesicht wird dabei so ernst und die Körperhaltung so angespannt, dass man Angst bekommen könnte. Wenn ich mich richtig erinnere, ist „Wichser“ auch das einzige vulgäre Wort im ganzen Text. Seine Wirkung wird noch gesteigert durch die Einleitung „um es in meiner blumigen Sprache zu sagen“, die von einer ausladenden, weichen, selbst irgendwie blumigen Geste begleitet wird.

Senay Duzcu ist, wie gesagt, eine Frau. Sie ist nicht bloß eine gute, scharfzüngige Kabarettistin, die zufällig nebenher eine Frau ist, sondern ihr Geschlecht und ihre erotische Ausstrahlung fließen in die von ihr geschaffene Figur mit ein. Sie könnte ihre Texte nicht einem Kollegen geben, der sie für sie vorliest; das würde bei Weitem nicht dieselbe Wirkung erzielen. Das Wort „Wichser“ nun, von Frau zu Mann in aller Deutlichkeit über die Geschlechtergrenze gleichsam herübergebrüllt, ist die ganz schwere rhetorische Artillerie, eine sexuelle Beleidigung, in etwa das Gegenstück zu „Schlampe“ in umgekehrter Richtung. Es bedeutet ungefähr: „Du bist so dumm, so hässlich, so niederträchtig, dass keine Frau jemals mit dir schlafen wird. Du bist zum Wichsen verurteilt. Ich bin schön, ich bin begehrenswert, und ich verurteile dich zur Masturbation.“ Ich bin sicher, sie hat ihre Worte mit Bedacht gewählt.

Zum Glück und weil sie ihr Handwerk versteht, lässt sie diesem knallharten pièce de résistance noch ein kleines Dessert folgen. Sie entlässt uns als Zuschauer nicht mit der deprimierenden Feststellung, dass es dumme Wichser gibt, sondern bietet einen versöhnlichen Gegenentwurf, ein schönes, beruhigendes Bild von Toleranz und Menschlichkeit. Es fühlt sich an wie ein gehauchtes Küsschen zum Abschied.

Botschaft, Autorin, Darstellerin und Bühnenfigur bilden eine harmonische Ganzheit, ein Kunstwerk, wie man es nicht oft bekommt. Wenn mich jemand sucht, ich bin auf YouTube und gucke Senay Duzcu.

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~ von Jan Schreiber - 20. Januar 2015.

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